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Weihnachten in Beilrode

Für Lilo – Erinnerungen an Weihnachten in Beilrode:

Erinnerungen an Weihnachten fangen an mit Bildern aus der Vorweihnachtszeit: Schnee, manchmal bis an unser Schlafzimmer hoch! Ich weiß noch, als wir eines Morgens aufwachten und hörten, wie die „Männer vom Kornhaus“ Hof und Fenster vom Schnee freischaufelten. Vorweihnachtszeit – Schulferien, Schlittenfahren an „unserem Berg“, neben dem Haus! Es gab damals so wenig Verkehr, dass wir oft, zum Entsetzen unserer Mutter, einfach quer über die Straße rodelten! Und dann, Schlittenfahren in der Wasserlache (bei Zwethau), erst eisig kalt, aber schnell Wärme, rote Backen und unendlich viel Spaß! Immer nochmal und nochmal den Berg raufstiebeln und runter sausen, zum Schluß doch müde nach Hause, aber erst, wenn es schon dunkel wird!

Schlittschuhlaufen auf dem Dorfteich, aber am liebsten auf der Straße, die von Pferden und Wagen spiegelglatt geschliffen war, - Brötchen holen auf Schlittschuhen (für Frau Starkloff) und 20 Pfg. dafür kriegen, (und versuchen, sie auszugeben ohne Eintragung in das vom Vater streng kontrollierte Kassenbuch!)

Aber ich wollte ja eigentlich von Weihnachten erzählen: Zu meinen vorweihnachtlichen Erinnerungen gehören vor allem Mutters Weihnachtsbäckereien, viele, viele Pfefferkuchen, (Kinder helfen ausstechen und Schüsseln und Löffel lecken!), Stollen auf Blechen zum Bäcker tragen, mit Holzstäbchen markieren und nach dem Backen noch heiß wieder abholen. Marzipan ( im Krieg aus Grieß und Puderzucker mit Süßstoff und Bittermandel-Backaroma.

Unsere Basteleien -, Geschenke wurden nicht gekauft, immer selbstgemacht. Ich habe damals selten, oder vielleicht nie?, Handarbeiten (Nähen oder Stricken usw.) produziert, dafür aber Zeichnungen, ganze Bücher, Spiele und Laubsägearbeiten! Für die „Winterhilfe“ haben wir gesammelt, und einmal haben wir bei Kaufmann Kastens ein ganzes Schaufenster voller Spielsachen ausgestellt, und alles selbst gebastelt!

Was hat unsere Mutter im Krieg für schöne Geschenke für Verwandte und Bekannte gezaubert: Körbchen aus Seife (Rarität!) mit Stecknadeln und Bändchen, Blumentöpfe mit Pflanzen aus Holz-Kochlöffeln und bunten Staubtüchern und Topf-Schrubbern, wahre Kunstwerke! Vieles davon habe ich später als sehr begehrte originelle Geschenke erfolgreich nachgebastelt.

Heiligabend in Beilrode war für uns Kinder ein unvergeßlicher Tag voller Aufregungen und Heimlichkeiten und halb versteckter Vorbereitungen; Mutter wirtschaftete in der Küche, Vater in der verschlossenen guten Stube, und wir wußten nie recht, wo wir bleiben sollten, ohne im Wege zu sein, und konnten doch nicht „rausgehen“ oder sonst etwas anfangen, ohne fürchten zu müssen, etwas zu verpassen. Gegen Abend, nach vielem geheimnisvollem Rascheln und Knistern und anderen aufregenden Geräuschen wurde der große eiserne Schlüssel aus dem Türschloß zur guten Stube gezogen (von innen natürlich!) und wir durften durchs Schlüsselloch schnuppern, ein unbeschreiblicher Duft! Es roch nach Tanne, Äpfeln, Pfefferkuchen, Nüssen und Kerzen, wir hörten Türen öffnen und schließen – war das nun der Weihnachtsmann oder Oma und Tante Lonny?!

Endlich, endlich, als wir vor Aufregung wirklich nicht mehr stillsitzen konnten, und inzwischen die Gedichte zum Aufsagen vor dem Weihnachtsbaum vollkommen vergessen hatten, da ertönte das heißersehnte Klingeln eines kleinen Silberglöckchen, das Wunder geschah: langsam und feierlich öffnete sich die Tür zur guten Stube!

Was wir nun sahen, war wie jedes Jahr, immer dasselbe, und, wie jedes Jahr, immer wieder neu, es war Weihnachten, der Höhepunkt jedes Jahres unserer Kindheit!

In einer Ecke, auf Vaters Schreibtisch, stand der schönste Weihnachtsbaum der Welt! (Ich weiß, jede Familie hatte den schönsten Baum, aber unserer war doch der allerschönste!), man muß ihn gesehen haben, um meinen Beschreibungen folgen zu können, die schönsten Bilder sind immer in der Erinnerungen, ohne Worte! Eine echte, frische, selbst aus dem Wald geholte, herrlich duftende Tanne, geschmückt mit auf Hochglanz polierten roten Äpfeln, vergoldeten und versilberten Nüssen, Schokoladen-Kringeln, bunten Glaskugeln, Lametta, Engelshaar und richtigen Wachskerzen, und darunter immer Mutters uralter kleiner Weihnachtsmann!

Wir wußten zwar aus Erfahrung, dass auf dem Nebentisch unsere Geschenke aufgebaut waren – aber hineingucken traute sich vorerst niemand. Erst mußten ja die sorgfältig auswendig gelernten Weihnachtsgedichte vorgetragen werden, dazu standen wir direkt vor dem Weihnachtsbaum, mit dem Rücken zur Stube; wir wußten, dass hinter uns im halbdunklen Zimmer – das einzige Licht kam von den Kerzen am Baum, unser Besuch saß und mit unseren Eltern unseren feierlichen Vorträgen zuhörte! Wie sollte man da mit guter Betonung aufsagen und noch dazu versuchen, nicht auf den Gabentisch zu schielen oder sich von den Wundern des Weihnachtsbaums ablenken zu lassen! Meistens ging doch alles gut, dann mit sehr erleichterten Gemüt die Begrüßung der Gäste (meistens Tante Lonny, früher oft mit Oma!), mit Handschlag und Knicks und Küßchen, „Frohe Weihnachten“ und Überreichung der selbstgemachten Geschenke, ja dann, endlich, durften wir unsere eigenen Gaben bewundern!

Lilos und meine auf dem großen Tisch, und später Helgas auf der Nähmaschine, alle Tische (und die Nähmaschine!) waren mit weißen Tischtüchern bedeckt und mit Tannenzweigen und goldenen Zapfen geschmückt. Größere Geschenke, z.B. unser neuer Rodel-Schlitten waren unterm Tisch aufgebaut.

Wir wurden immer reichlich beschenkt, ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie unsere Eltern das alles geschafft haben, vor allem während der Kriegsjahre! Jede Weihnachten gab es für jeden einen bunten Teller, wunderschön bemalte sternförmige Pappteller, gefüllt mit Pfefferkuchen, Schokolade, Äpfeln, Nüssen, Marzipanschweinchen und anderen Leckereien und, als Höhepunkt, einer Apfelsine! Und immer waren ein paar kleine Tannenzweige dabei!

Immer bekamen wir dann etwas zum Anziehen, Schlafanzüge, Schürzen, Pullover oder sogar ein neues Kleid! Spielsachen, Puppen – neue und alte, die kurz vor Weihnachten plötzlich verschwanden und dann am Heiligabend vollkommen neu eingekleidet inmitten aller anderen Herrlichkeiten auf unseren Gabentisch saßen! Besonders dankbar bin ich bis heute noch für die vielen sorgfältig ausgewählten guten Bücher, die sich im Laufe der Jahre als Weihnachtsgeschenke in meiner „Bibliothek“ ansammelten.

Eines der vielen selbstgemachten Geschenke muß ich hier noch besonders erwähnen: Mein Wohnwagen, Vaters Meisterstück! Ein grüner Zigeunerwagen mit weißen Zirkuspferdchen bespannt, einer Leiter für die Puppenleute, einer von Mutter gebastelten Inneneinrichtung, Stühle, Tisch, Sofa!, richtige Fenster, einer Doppeltür und sogar einen Kasten mit Schloß unterm Wagen! Stolz bin ich danach durchs Dorf spaziert, den Wohnwagen mit Pferdchen an einer Schnur hinter mir herziehend bis zu Hems Bauernhof am anderen Ende von Zschackau – bloß gut, dass in diesem Jahr zu Weihnachten kein Schnee lag, nur trockener, harter Frost!

(Das war übrigens das Jahr, in dem Lilo ihre große Laube mit Dutzenden von Bauernhof-Tieren bekam, - was muß unser Vater daran gearbeitet haben, und alles heimlich, wir haben nie etwas davon bemerkt!)

In meiner Eile, von Weihnachten zu erzählen, habe ich vergessen zu sagen – und das ist sehr wichtig! - dass es am Heiligabend bei uns immer Kartoffelsalat und Würstchen gab, ein Brauch,den ich mit vielen anderen in mein eigenes Familienleben übernommen habe, wir essen heute noch potato salad und sausages (mit Äpfeln, Zwiebeln und Walnüssen) am Abend des 24. Dezembers.

Wir wußten es zwar damals nicht, aber heute ist es ganz klar, daß wir immer das beste Weihnachts-Festessen hatten, damals in Beilrode, denn so gut wie unsere Mutter hat bis heute noch niemand gekocht! Gänsebraten und Rotkohl am ersten Feiertag, Karpfen blau zu Silvester, und Hasenbraten oder Rehrücken zum Neuen Jahr!

Unsere Weihnachtsfeiertage waren immer ruhig und gemütlich, noch erfüllt von den weihnachtlichen Feierlichkeiten vom Heiligen Abend, und niemand wird das Singen und Musizieren vergessen können, Vaters und Lilos Geigen und unsere Blockflöten mit Mutters Laute, und auch nicht das Spielen und Lesen (und Essen!) der Weihnachtsfeiertage, die herrlichen Düfte, das Kerzenlicht und die Wunderkerzen am Weihnachtsbaum!

Damit Schluß für heute, dies soll ja keine Geschichte zum Vorlesen oder Erzählen sein, nur ein paar Gedanken an längst vergangene Zeiten, heraus gesucht aus meiner Erinnerungs-Schatzkiste, und wenn Du Dich ein bisschen darüber freust und Dich, vielleicht an einiges noch erinnern kannst – dann haben meine Zeilen ihren Zweck erfüllt.


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Erstellt am 11.07.2024 - Letzte Änderung am 11.07.2024.