Es begann im April 1945 …
Tage- und nächtelang ziehen Flüchtlinge durch Beilrode, die meisten zu Fuß, manchmal mit einer Karre oder einem Fahrrad, schleppen Koffer oder Bündel oder sonst etwas, alle traurig, voller Angst und verzweifelt. - Es ist wie ein Traum, gestern noch hatten wir den Krieg gewonnen, und heute? Nichts, alles kaputt, Verwirrung.
Wir helfen so gut wir können, kochen Ersatzkaffee für die „Flüchtlinge“, oder manchmal ein bisschen Suppe. Wir fragen nie: Wo wollt Ihr hin, immer nur: Wo kommt Ihr her?, und wir brauchen keine Landkarte, um zu sehen, dass die Namen ihrer Heimatorte immer näher an uns heranrücken. So nahe, dass uns erst mit Besorgnis, dann mit Schrecken und Entsetzen klar wird: Die Russen kommen! Nach allem was wir von den Flüchtlingen hören, kann es keinen Zweifel geben, über das, was uns bevorsteht, sollten die Russen tatsächlich bis zu uns vorrücken! Ein paar Bauernfamilien aus Beilrode haben ihre Entscheidung schon vor uns getroffen, wir sehen einige von ihnen mit hochbeladenen Pferdewagen (Möbel, Betten, Hausrat) in Richtung Torgau abziehen. Und die Russen kommen immer näher ….
Schweren Herzens treffen wir ein paar Vorbereitungen, unsere Heimat zu verlassen, immer mit den Gedanken an eine baldige Rückkehr, obwohl wir keine Ahnung haben, wohin und wie lange? - aber nicht den Russen in die Hände fallen!
Mutter packt Geschirr und andere Sachen (Vaters Gewehre!) im Keller in Kisten (warum wohl glauben wir, dass unsere Sachen im Keller sicher sein werden?) Eines Nachts, gegen Ende April, vergrabe ich im Garten so tief ich nur kann, einen Metallkasten mit Vaters SS Hemden, in die ich den kleinen Revolver, den er mir zur „Verteidigung“ gegeben hatte, (Übungsschießen im Wald!), eingewickelt habe (sogar geölt habe ich ihn noch!), zusammen mit Partei- und HJ Abzeichen. (Falls es jemanden interessieren sollte: genau im Schnittpunkt der beiden Linien von der dritten Linde auf der Straße zum Garten und von der Hintertür zum Garten habe ich das Loch gegraben!)
Am nächsten Morgen fällt dann die endgültige Entscheidung: Der Bahnhofsvorsteher schickt eine Nachricht an Familien, die er noch erreichen kann in wenigen Stunden habe er eine Lokomotive, ein paar Güterwagen und ein paar Personenabteile fertig zur Abfahrt nach Westen, wer mit will, muß schnell machen! Mutter will erst nicht, oder kann sich nicht entscheiden – einfach alles zurücklassen, und was ist, wenn Vater wiederkommt?
Ich, auch erst 18, habe nur einen Gedanken, weg von den Russen, uns alle in Sicherheit bringen!
So nehmen wir unsere Fahrräder, Mutter, Lilo und ich, Helga ist erst neun und hat noch keines, packen ein paar Sachen in Rücksäcke (ich habe mein Kinderfotoalbum und meine beiden Blockflöten heute noch, alles was ich „gerettet“ habe!) Mäntel über die Lenkstangen, und wir können alles auf einen offenen Güterwagen laden. Mutter, Lilo und Helga sitzen mit einigen anderen im Personenabteil, dessen Fenster mit Holzbrettern vernagelt sind, ich bleibe auf dem Güterwagen um unsere Räder und Rucksäcke zu „bewachen“.
Nie werde ich den Augenblick vergessen, ein Ruck, der Zug fährt los, ein letzter Blick aufs Haus, das Kornhaus, „unser“ Hang – vorbei. Mein letzter Abschiedsgedanke, egal was jetzt passiert, jedenfalls sind wir alle zusammen und weg von den Russen!
Da höre ich Gewehrfeuer – im Zwethauer Wäldchen sitzen noch eine Handvoll deutscher Soldaten und sie schießen auf russische Panzer (T34?), die auf der Chaussee in Richtung Torgau rollen! Ich kann’s nicht glauben, aber meine Augen täuschen mich nicht – die Russen sind da! Außer mir hat wohl nur der Lokführer die Panzer gesehen? Ob er wohl, genau wie ich, überzeugt ist dass wir gleich alle zusammen mit der Elbbrücke in die Luft fliegen? Er hält jedenfalls nicht an,und ich gebe ihm recht, alle zusammen in die Luft fliegen ist besser als den Russen in die Hände fallen!
Wir fahren also alle auf die Elbbrücke zu – gleich ist es aus! Wir erreichen die Brücke, fahren auf die Brücke, und es ist nicht aus, wir fahren über die Brücke und nach Torgau hinein! Wer auch immer für die an der Elbbrücke angebrachten Minen verantwortlich war, hat entweder nicht gewußt, dass die Russen schon da sind, oder einfach keine Lust mehr gehabt!
Wir sammeln unsere Räder und Rucksäcke ein, und dann nichts wie raus aus Torgau, die Russen sind schon am anderen Ufer!
Wir schieben unsere Räder, bis wir in Döbern ankommen (vielleicht weil dort die Kartheusers, Verwandte von Starkloff, wohnen?)
(Wo wir für diese erste Nacht untergekommen sind, weiß ich heute nicht mehr.) Das ganze Dorf hat sich in ein Flüchtlingslager verwandelt, überall wird Essen ausgegeben und jeder bekommt eine Notunterkunft zugewiesen, - wir bleiben irgendwo in einem Keller. Über Nacht hören wir, wie die Russen mit viel Lärm über die Elbe kommen, Frauen schreien, Soldaten johlen, Pferde und Wagen, (ab und zu auch Schüsse) – versucht jemand zu fliehen?, und was wird aus uns, wenn sie uns hier im Keller finden? Wir haben schreckliche Angst, aber unser Schutzengel bleibt uns treu, es geschieht uns nichts. Am nächsten Morgen – Stille. Die Kommissare haben ihre Soldaten zurückgeholt ans Ostufer der Elbe, wo sie bleiben sollten bis zum offiziellen Treffen mit den amerikanischen Streitkräften - am 25.4. -. Davon wußten wir damals natürlich nichts, und bestimmt sind sie jede Nacht wieder über die Elbe gekommen um in den Dörfern ihre „Sieger-Rolle“ zu demonstrieren, aber darauf wollten wir ganz sicher nicht warten.
Wir treten also unseren Marsch nach Westen an, in Richtung Thüringen, wo Otto und Gretchen Schmidt wohnen. Viel weiß ich von diesem Teil unserer Reise nicht mehr, wir sind viele Tage – oder waren es Wochen? - unterwegs, ziehen mit Rädern und Rucksäcken von einem Dorf zum nächsten, melden uns abends beim Bürgermeister, bekommen Unterkunft für die Nacht, meistens kriegen wir auch etwas zu essen, bezahlen brauchen wir nur selten, das Geld ist schon nichts mehr wert. Überall ziehen Flüchtlinge nach Westen, die meisten wissen nicht, wohin, nur weg von den Russen! Es ist heute schwer zu glauben, wie sich die Menschen damals gegenseitig geholfen haben! Es war eine harte Zeit, aber das kommt uns erst viel später zum Bewußtsein – was unsere Mutter, und mit ihr alle die anderen Mütter, damals durchgemacht haben muß, wird wohl niemals jemand richtig verstehen.
Wir leben von einem Tag zum anderen, essen was man uns gibt, schlafen auf Stroh oder auf Fußböden manchmal kriegen wir ein Bett oder sogar zwei für die Nacht.
Eines Tages haben wir einfach überhaupt nichts zu essen, Mutti und Lilo sitzen verzweifelt am Wegrand und weinen, Helga ist ganz verwirrt, weil sie bestimmt nicht verstehen kann, warum sich das sorglose Leben in Beilrode so schnell verändert hat! Da nehme ich, weil ich mich als „Große“ verantwortlich fühle, aus einer Miete ein paar Kartoffeln und frage im nächsten Bauernhof, ob wir sie auf dem Herd für uns kochen dürfen – ich weiß heute noch, wie furchtbar schwer mir das gefallen ist!
Wie lange wird es noch dauern, bis wir endlich das Dorf in Thüringen erreichen, wo Otto Schmidt Pastor ist, und wir bei ihm und Gretchen vielleicht eine Bleibe finden, bis wir wieder nach Hause können? Jedenfalls viel länger als wir dachten!
Mutter wird unterwegs krank, macht einfach schlapp! Wir dürfen bei einem Bauern im nächsten Dorf in einer mit Stroh ausgelegten Kammer bleiben, der Bürgermeister hat es erlaubt.
Wenige Tage später kommen die Amerikaner. Sie schicken zuerst ihre mit großen roten Kreuzen markierte Sanitätsfahrzeuge ins Dorf, und als diese keinen Widerstand von der Bevölkerung und auch keinen übrig gebliebenen deutschen Soldaten finden, kommen Fahrzeuge mit amerikanischen Truppen und „besetzen“ das Dorf. Ich werde ein paar mal zum Bürgermeister befohlen um mich als Dolmetscher nützlich zu machen.
Inzwischen geht es Mutter immer schlechter, sie hat hohes Fieber und liegt nur noch apathisch auf dem Stroh – wir brauchen unbedingt einen Arzt! Aber der wohnt ein paar Dörfer weiter weg – ich also aufs Rad zum Doktor, der natürlich „unter keinen Umständen“ Hausbesuche machen kann! Er gibt mir ein bisschen Chinin „fürs Fieber“, also, danke schön, aufs Rad und zurück zu „unserem“ Dorf und der Strohkammer. Auf dem Rückweg muß ich an einer langen Kolonne auf der Straße haltender amerikanischer Fahrzeuge vorbei, die zu meinem Entsetzen mit farbigen – schwarzen! - Soldaten besetzt sind,sie grinsen mich an mit ihren dicken Lippen, riesengroßen weißen Zähnen und rollenden Augen, und merken gar nicht, daß sie mich zu Tode erschrecken und die Angst mir Flügel verleiht – ich muß doch mit der Medizin zurück zu meiner kranken Mutter! Dabei ist alle Angst umsonst, niemand hat versucht, mich anzuhalten oder gar mir etwas (ja, was wohl?) anzutun! Dann kommt der Tag, an dm mir die amerikanischen Soldaten sagen, dass sie sich demnächst bis zu einer bestimmten Linie auf der Karte nach Westen absetzen werden. Ich glaube nicht, dass sie ihr erobertes Land so schnell aufgeben können, bekomme aber keine Antwort, auch nicht auf die Frage, ob nun wohl die Russen nachrücken werden – „wir sind Soldaten und folgen Befehlen!“
Kurz darauf geschieht das Unglaubliche: eines Morgens ist es ganz still im Dorf, wir laufen vom Hof, und es ist wahr: Die Amerikaner sind weg! Still und heimlich während der Nacht verschwunden, einfach weg! Was nun? Den ganzen Tag über ist es unheimlich ruhig, niemand weiß, was geschehen wird, Zeitungen und Post gibt es nicht, Radio und Nachrichten sowieso nicht, uns bleibt nur Gewißheit und Angst.
Gegen Abend rafft sich der Bauer auf und macht Pläne, sein Frauenvolk – und uns – zu verstecken, falls die Russen doch kommen! Helga bleibt bei Mutter, die noch immer ziemlich schwach in der Strohkammer liegt, Lilo und ich müssen mit ein paar Mägden in einem Schuppen hinten im Obstgarten, wir klettern bis unters Dach und legen uns flach auf die Holzplanken, dann nimmt der Bauer die Leiter weg, schließt den Schuppen ab und geht weg, - und wir warten. Die unheimliche Stille, Ungewißheit und Angst, es wird Abend, wir frieren und warten. Irgendetwas veranlaßt mich, durch ein Astloch im Holz nach draußen zu gucken – und da sehe ich die ersten Russen kommen! Ein unvergeßlich schaurig schöner Anblick: Gegen den roten Abendhimmel heben sich Silhouetten von wilden Reitern ab, ja – es sind Kosaken! Ich kann die Männer kaum erkennen, sie hängen auf der anderen Seite ihrer Pferde (falls doch noch jemand auf sie schießt?) und kommen im Galopp über die Felder und Gärten hinter den Häusern ins Dorf herein, im rotgoldenen Sonnenuntergang, eine Szene wie im Film!
Als die Russen feststellten, dass es im Dorf weder deutsche Soldaten noch sonst welchen Widerstand gibt, wird aus der schaurig schönen Szene ein Bild des Schreckens, das wir zwar nicht sehen, aber umso besser hören können! Es war wie damals an der Elbe, die russischen Kommissare schicken ihre wildesten Truppen voraus, die durch viel Lärm und Gewalt Angst und Schrecken erzeugen und alles erobern! Wir sind dem Bauern sehr dankbar für seine Vorsichtsmaßnahmen, man hat uns nicht gefunden! Die nachfolgenden der Russen sind besser diszipliniert, manchmal sogar freundlich. Tagsüber sind wir sicher, aber nachts, wenn die Soldaten nach dem Dienst zu Trinken anfangen, gibt es oft Zwischenfälle, die für viele Dorfbewohner, vor allem Frauen, schrecklich sind, uns aber erspart bleiben, weil wir zusammen mit anderen jungen Mädchen und Frauen jede Nacht in einem neuen Versteck verbringen, Scheunen, Heuschobern, Hecken und Gräben – wir haben bestimmt einen Schutzengel, jeden Morgen kehren wir unversehrt auf den Hof zurück!
Nach ein paar Tagen geht es Mutter endlich ein bisschen besser und sie besteht darauf, unseren Treck nach Thüringen fortzusetzen. - Mit Fahrrädern und unseren Rucksäcken wandern wir los. Flüchtlingsleben auf der Straße wird zur Gewohnheit, tagsüber Fußmarsch, die Straßen sind nie ganz leer, überall ziehen Menschen wie wir durch die Gegend, suchen nach Angehörigen, Freunden einer Bleibe -. Nachts bleiben wir, wie immer, bei hilfsbereiten Einwohnern, die uns meistens auch zu essen geben, wir wollen ja gern bezahlen, aber niemand will Geld, das sowieso kaum noch das Papier wert ist, auf dem es gedruckt wurde.
Einmal bringt uns ein Schäfer mit seinem Kahn, der so klein ist, dass er zweimal fahren muß, über ein kleines Flüßchen, dafür bekommt er von Mutter 2000.- Reichsmark, für das er sich am nächsten Tag noch nicht einmal ein Pfund Butter kaufen kann.
Kurz darauf ist unsere Flucht zu Ende – wir kommen bei Schmidts an, werden freundlich aufgenommen – und nun verläßt mich die Erinnerung für eine Weile!
Ich weiß noch, wie sehr ich die Predigten von Otto Schmidt gehaßt habe – wie konnte so ein Kerl in der Kirche predigen als Pastor der Gemeinde, wo ich ihn doch viel besser kannte! Jedenfalls glaubte ich, es dort nicht mehr auszuhalten zu können, Mutter und Schwestern warn in Sicherheit, ohne mich gab es mehr Platz im Hause, und Schmidts waren bestimmt froh, mich loszuwerden!
Da fand ich zufällig meine frühere Arbeitsdienst-Lagerführerin, die in der Nähe beim Bauern untergekommen war und nun gern nach Hause wollte – aber nicht allein! Sie kam aus Schwarmstedt in der Nähe von Hannover, ihr Vater war dort Landarzt. So trat ich dann mit Gertrud meinen zweiten langen Fußmarsch an. Wir luden alles, was wir besaßen, auf mein Fahrrad und zogen los, meistens zu Fuß, gelegentlich per Anhalter und erreichten Schwarmstedt nach etwa drei Wochen – und damit beginnt schon die nächste Geschichte, die vielleicht auch irgendwann einmal aufgeschrieben werden wird.
Erstellt am 11.07.2024 - Letzte Änderung am 11.07.2024.